CrossFit Limburg und die Wichtigkeit der Institution für seine Mitglieder. Ein Versuch einer psychologisch/pädagogischen Betrachtungsweise von CrossFit am Beispiel von CrossFit Limburg.

Nun ist es also schon über ein Jahr her, dass CrossFit Limburg in mein Leben getreten ist. Diesen Anlass möchte ich dazu nutzen, ein paar Gedanken zu teilen.

Ich könnte jetzt sicher schreiben, dass CrossFit das Geilste, Tollste und Beste der ganzen verdammten Welt ist. Ich könnte erzählen, dass ich binnen des letzten Jahres ca. 8 kg Fett abgebaut habe, und mich heute noch erschrecke was da so Hartes an meinem Bauch hervorscheint (anfänglich dachte ich es wäre ein Tumor, sind wohl aber Bauchmuskeln, hoffe ich).

Aber das erspare ich mir und vor allem euch an dieser Stelle. Aussagen bezüglich des Trainingseffektes und der Nachhaltigkeit sollten Fachmännern mit fundiertem Wissen überlassen werden. Ich denke jede Sportart und jeder Trainingsansatz ist für die Ausübenden sicherlich das Nonplusultra. Daher sollen sich hier die Fachleute streiten.

Jeder Schuster sollte bei seinen Leisten bleiben, daher möchte ich mich mit den Fragen beschäftigen, welche ich eventuell auch aufgrund meiner Zunft beantworten kann.

  • Ich stellte mir schon kurze Zeit nach Eröffnung von CrossFit Limburg die Frage, warum zur Hölle CrossFit es schafft, dass ich fauler Mensch 4-6 mal die Woche mit einer bis dato nie gefühlten Motivation diesen Ort besuche, um mich 60 min am Stück bis aufs Äußerste zu verausgaben?
  • Warum CrossFit es schafft, dass es einem schlecht geht, wenn man aus verschiedenen Gründen 3 Tage hintereinander nicht zum Training gehen kann?
  • Warum die besten Tage der Woche die Tage sind, an denen man um sechs Uhr aufsteht, den Hund halb vor die Tür prügelt, damit er was macht, um so um zehn vor sieben in der Box zu stehen, und sich schon vor Arbeitsbeginn zu verausgaben?
  • Und zu guter Letzt, warum CrossFit es schafft, dass eine heterogene Gruppe von Menschen aus verschiedensten sozialen Schichten dieser Gesellschaft sich binnen kürzester Zeit zu einer glorreichen Gemeinschaft zusammenfügt, welche auch außerhalb der Box füreinander einsteht und sich wahre Freundschaften bilden?

Zunächst einmal soll der Alltag der meisten Menschen dieser Gesellschaft betrachtet werden. Der durchschnittliche Bürger unserer Gesellschaft stapft Tag ein Tag aus aufs Neue an eine Arbeitsstelle, die er im Bestfall zwar mag, um dort im Bestfall etwas Geld zu verdienen, um damit im Bestfall sein Leben je nach Geschmack auf großem oder eher auf kleinem Fuß bestreiten zu können. Ihre Freizeit verbringen die meisten Menschen mit ihren Familien, Freunden oder Bekannten. Hier dreht sich meist auch alles irgendwie nur um Probleme der Einzelnen und deren Lösungen. Sei es der Kumpel, der sich offensichtlich jedes Wochenende ins Delirium trinkt, weil er so auf der Suche nach der Traumfrau ist, der Bekannte, der nonstop neue Ernährungsratschläge vergibt, und sich selbst gerne reden hört, dabei aber außer Acht lässt, dass er stetig in die Breite wächst, oder das befreundete Paar, was mit Vorliebe Feierlichkeiten nutzt, um ihre Beziehungskrisen auszutragen. Versucht der Mensch, aus diesem Bann einmal auszubrechen, und verzieht sich z.B. allein oder mit Hund in die Wälder oder sonstige einsame Orte, geht dieser stets nur mit Handy, um somit für alle Nichtigkeiten des Lebens erreichbar zu bleiben. Die Gedanken drehen sich auch hier meist um verschiedene Problemlagen.

Auf der Arbeit selbst ist man meist gefangen in einer Maschinerie von anderen Menschen, in der kaum einer für den anderen einsteht, und prinzipiell eher das Ellenbogenprinzip herrscht. Lob, Anerkennung oder mal ein Schulterklopfen? Das kennen wohl die wenigsten aus ihrem Beschäftigungsverhältnis. Es ist leider so, dass es sich eingebürgert hat, dass alles in Ordnung ist, wenn man nichts hört.

Doch der Mensch selbst strebt sein gesamtes Leben nach Lob, Anerkennung und dem damit verbundenen Erfolg und der persönlichen Zufriedenheit. In der Arbeitswelt von heute ist dies selbst durch top Lohnzahlungen am Ende des Monats nicht mehr möglich.

Hier liegt meiner Meinung nach ein Teil des Erfolgsrezeptes von CrossFit. Entgegen aller gesellschaftlichen Normen gibt es hier fast täglich Lob, Anerkennung und das Gefühl, eine wirklich großartige Leistung vollbracht zu haben. Hierbei ist es vollkommen egal welches sportliche Niveau man mitbringt. Gefeiert wird der, der es verdient hat.

Ein persönliches Beispiel hierzu:

Ich kann mich an eine Situation genau erinnern, in welcher diese Aussage mehr als nie zuvor zu spüren war. Es war ein absolut beschi… Arbeitstag. Im Grunde war ich drauf und dran auch das Training sausen zu lassen, da ich auch eigentlich schon viel spät war, und ohne großen Stress pünktlich Vorort zu sein aussichtslos schien. Doch irgendwie wollte ich den ganzen Ärger und die ganze Wut noch einmal rauslassen. Mit der Angst der Straf-Burpees im Nacken schaffte ich jedoch eine Punktlandung in die Box. Wie es der Teufel wollte war dieser Tag ein Girlsday (soll heißen an diesem Tagen werden sog. Standard-Workouts gemacht, welche alle Namen von Frauen haben). An diesem Tag besuchte uns ANGIE (100 Klimmzüge/100 Liegestütze/100 Situps/100Kniebeugen). „Naja“, dachte ich, „man muss halt auch mal mit Sandalen durch die nasse Wiese laufen oder eben ein echt hartes WOD nach einem echt beschissenen Tag ertragen.“ Gefühlt waren nur die Top-Athleten von CrossFit Limburg in diesem späten Kurs. „Naja nutzt nix, auf geht es.“ Nach einer gefühlten Ewigkeit waren alle bis auf mich bereits fertig. Die Stunde neigte sich dem Ende, doch ich bat den Trainer, dass ich meine ANGIE trotz überschreiten des Timecap (Zeitlimit) noch in die Knie zu zwingen durfte.

Was dann geschah erklärt wohl schon den grundlegendsten Pfeiler der Erfolgsgeschichte von CrossFit.

Während ich noch unzählige Situps und Kniebeugen vor mir hatte, wagte sich niemand der anderen auch nur den Raum zu verlassen. Man bedenke: Prinzipiell war das Training beendet und ich denke die meisten meiner Mitstreiter hatten wohl auch noch etwas Besseres vor, als auf mich zuwarten. Aber im Gegenteil, niemand verließ die Box und ich war plötzlich der Mittelpunkt der Gruppe. Ich wurde angefeuert, mit Tipps unterstützt, und erhielt bis zur letzte Kniebeuge den Beistand dieser Gruppe. Völlig am Ende meiner Kräfte beendete ich dieses Workout: Das erste Mal Rx (ohne jegliche Hilfsmittel). Nach Beendigung wurde ich gefeiert wie ein Held. Eine Faust nach der anderen klatschte auf meine, Applaus schallte und ich war verdammt noch mal sau zufrieden und stolz wie Oskar zu seiner überragendsten Zeit.

Diese persönliche Beispiel zeigt recht klar, dass es neben der eigenen, nie da gewesenen Leistung, welche aus einem durchdachten Trainingskonzept resultierte, auch die offene und ehrliche Anteilnahme der Mitstreiter war, die ein überwältigendes Gefühl hervorbrachte, das bis heute unvergessen bleibt.

Das daraus resultierende Gefühl endet nicht etwa mit dem Schließen der Boxtür von außen, dieses Gefühl begleitet einen auch im Alltag. Man wächst dadurch in jeglicher Hinsicht. Diese Tatsache ist wohl Grund dafür, dass CrossFit für die meisten ein wahrer Magnet ist.

All das, was einem meist im Alltag verloren geht, die sogenannten Softskills, gehören zu CrossFit ebenso dazu, wie die Thruster zu FRAN.

Diese Tatsache beantwortet mehr oder minder auch meine zweite Frage, welche darauf zielt, warum es einem nicht optimal geht, wenn man drei Tage am Stück das Training nicht besuchen konnte. Ich denke CrossFit ist eine Sucht. Bevor jetzt hier alle aufschreien und Nummern von Suchtberatungsstellen mailen, sollte kurz einmal das Wort Sucht klar definiert werden.

„Sucht ist ein umgangssprachlicher Ausdruck für Abhängigkeit. Die Medizin beschreibt Abhängigkeit als ein unabweisbares Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand.

Sucht ist im menschlichen Körper fest verankert. Einige greifen zur Flasche andere zu Joints, Pillen oder der Nadel. Jeder eben zu dem, was den gewünschten Erlebniszustand erbringt.

Im Falle von CrossFit ist es eben das unabweisbare Verlangen nach sportlichen Leistungen, Anerkennung, persönlichen Herausforderungen, Lob, Stolz, und einem Zusammengehörigkeitsgefühl der Gruppe, in welcher jeder jedem die bestmögliche Unterstützung gibt. Eben genau das Verlangen, welches die heutige Gesellschaft nicht mehr befriedigen kann.

Aus dieser Befriedigung resultiert eine innere Ausgeglichenheit sowie eine persönliche Zufriedenheit mit sich selbst. Dieses Gefühl ist wohl die Antwort auf die Frage, warum die Tage, an denen man zum CrossFit geht, die besten sind. Man ist an allen anderen Tagen auf Entzug.

Abschließend bleibt nun jedoch noch die Frage offen, wie es sein kann, dass der beispielsweise schick in Hugo Boss oder ähnlichem verpackte Investmentbanker, dem auf den ersten Blick merkwürdig anmutenden tattoovierten einfachen Angestellten bei einer zufälligen Begegnung in der Stadt um den Hals fällt, und sich beide ein Loch in den Bauch freuen über diese zufällige Treffen. Offenbar hat CrossFit eine Verbindung zwischen (überspitzt) diesen beiden Welten geschaffen.

CrossFit schafft hier eine Verbindung über die gesellschaftlichen Schichten hinaus. Dies scheint auf den ersten Blick erst einmal merkwürdig, eben wie die Zeugen Jehovas oder ähnliche Verbindungen. Ist es aber gar nicht. CrossFit schafft es, dass sämtliche gesellschaftlichen Schichten beim Betreten der Box nichtig werden. Es ist scheißegal, womit du und wie viel Geld du verdienst, es ist egal wie du dich kleidest oder wie bemalt du bist, es ist egal ob du mit dem Rad da bist, zu Fuß oder mit einem 500er Benz, es ist egal ob sportlich gesehen fit oder absolut unfit bist. Beim CrossFit sind alle gleich. Dies liegt wohl dran, dass alle dem gleichen Ziel nacheifern. Dem Ziel, das unabweisbaren Verlangen nach dem Erlebniszustand CrossFit zu befriedigen.

Wie bereits oben beschrieben lebt die CrossFit Gemeinschaft von den individuellen Leistungen eines jeden Einzelnen. Dabei spielen eben diese gesellschaftlichen Unterschiede keine Rolle. Über CrossFit kommen die Menschen ins Gespräch und durch die gemeinsame Sucht, oder besser die unabweisliche Suche nach der Befriedigung der oben beschriebenen menschlichen Bedürfnisse, schaffen die Menschen Brücken zueinander und stellen fest, dass alle doch im Grunde das Gleiche wollen.

Ich denke ich könnte aus diesem Ansatz ein ganzes Buch füllen (sollte ich eventuell mal), aber das Wichtigste ist wohl gesagt.

Kurzum:

Danke CrossFit Limburg für dieses tolle Jahr. Danke, dass du es geschafft hast, deinen Mitgliedern Dinge zu geben, welche sie in „der Welt draußen“ nicht mehr bekommen können.

Um jetzt emotional noch mal richtig auf die Kacke zu hauen:

CrossFit Limburg kann bildlich gesprochen als eine Insel des Alltags gesehen werden. Auf dieser Insel gibt es all das, was man im Alltag vermisst. Deshalb ist diese Insel für seine Mitglieder etwas ganz Besonders. Ich hoffe, dass diese Insel trotz der allgemeinen Klimaerwärmung nicht untergeht. Und wenn doch, dann schleppen wir eben Tonnen von Sand, um sie zu retten – weil wir es jetzt können.

Vielen Dank